„RAUM für Alle hat die ERDE“ Friedrich von Schiller

Persönlicher Rückblick 2015 in Worten und Zahlen – Ausblick 2016
von Sabine Oberberger

Lasse ich 2015, auch als das „Das JAHR der ERDE“ bekannt, Revue passieren, – das heißeste Jahr, an das ich mich seit meinen sechs Lebensjahrzehnten erinnern kann -, fällt mir als erstes das „Hemhofer Bushäusl“ ein und die unerwarteten „Schätze“ darin, die ich leider nicht alle bergen konnte. Das „Hemhofer Bushäuschen“ befindet sich in nächster Nähe zum Kinderspielplatz, zum Wertstoffhof und zur Feuerwehr, ist also ein wichtiger und oft frequentierter Platz im Dorf Hemhof, das bekanntlich ein Ortsteil von Bad Endorf ist. In den Wertstoff-Containern fanden die Dorfkinder und ich bereits vor 7 Jahren besondere „Schätze“, damals der sakralen Art: Es lagen zwei fein gearbeitete „Mutter-Gottes-Statuen“ in den Containern, die uns damals veranlassten, die Schätze dieser seltenen Art zu bergen. Mittlerweile ist immer öfter zu beobachten, dass Schätze einer anderen Art sowohl im Alt-Papier-Container, als auch im Bus-Häuschen oder unter dem Vordach der Feuerwehr in Hemhof landen. Es handelt sich um weggeworfene Weltliteratur, die wohl von den „Wegwerfern“ nicht mehr als solche erkannt beziehungsweise in unserem jetzt vorhandenen Wertesystem nicht mehr geachtet wird. In größeren Städten nicht nur in Bayern werden nach amerikanisch-europäischem Vorbild längst schon alte Telefonzellen als „Leih-Bibiliotheken“ eingerichtet: Jeder kann alte Bücher zum bereits vorhandenen Bestand dazu legen, kann sich neue Bücher ausleihen, ja sogar diese behalten, falls sie ihm wertvoll erscheinen. Im Zuge des demographischen Wandels und der schnelllebigen Zeit haben sich jedoch die Wertevorstellungen vieler Mitmenschen verändert: Was einst unter „Weltliteratur“ fiel, wie beispielsweise Bücher von Goethe, Schiller, Shakespeare, Brecht, Grass bis hin zu Zuckmayer und Kästner, wird heute in den Müll (oder gleich daneben, im Bushäuschen in den Abfalleiner) geworfen.

So grifft ich mir kürzlich das erstbeste Buch in der Dämmerung aus dem Altpapier-Container in Hemhof. Ich konnte noch im vergehenden Tageslicht erkennen, dass das Buch beidseits mit Bildern (Nachbildungen) des Malers Franz Marc umhüllt war, ein berühmter (Tier-)Maler der Moderne und einer meiner Lieblingsmaler. Was für einen Schatz hatte ich entdeckt: „Raum für alle hat die Erde“ (Zitat Friedrich von Schiller) war nur einer der vielen bewegenden Aussprüche, die als Zitate, Gedichte oder Vorträge im Buch abgedruckt waren. Friedrich von Schiller gehörte – genau so wie auch Johann Wolfgang von Goethe – zu den Dichtern, die noch durch ganzheitliches Denken geprägt waren, ein enormes Wissen besaßen und über viele Fähigkeiten verfügten. So war Goethe nicht nur ein begnadeter Dichter und Maler, er konnte hervorragend reiten und im Winter ritt er zum Fluss und schwamm täglich im Eiswasser. In meinem Bücherschatz mit dem Titel „Lebt ich mit Quelle, Tier und Baum“, fand ich Vorträge und Abhandlungen von Prof. Konrad Lorenz, dem Begründer der modernen Verhaltensforschung, ebenso wie Schilderungen und Gedichte von Carl Zuckmayer. Besonders berührend das Kapitel „In eure Hand sind sie gegeben“. Dieses Zitat ist der Schöpfungsgeschichte der Bibel entnommen und beruft sich auf des Menschen Verantwortung für die Tiere. „Die Erde gehört nicht den Menschen, der Mensch gehört zur Erde. Nicht der Mensch schuf das Gewebe des Lebens; er ist darin nur eine Faser. Was immer Ihr dem Gewebe antut, das tut Ihr Euch selbst an.“ Diese Zitate stammen aus der berühmten Rede des großen indianischen Führers, Häuptling Seattle, aus dem Jahre 1850 und sind dahingehend identisch mit der Aussage von Prof. Konrad Lorenz, dass unsere Erde ein „Wirkungsgefüge“ darstellt. Zerstören wir dies, zerstören wir uns. Zum „Jahr der Erde“ gab es nicht nur in Bad Endorf, in MARIAS KINO, auch in Prien und in Wasserburg, im KINO UTIOPIA, über das Jahr verteilt, mehrere Zyklen von Dokumentarfilmen. In der Dokumentation „Landraub“ wird anschaulich klar gemacht, dass Europa über 175 Millionen Hektar Land verfügt, das landwirtschaftlich genutzt wird. Weltweit jedoch sind bereits 200 Millionen Ackerland unrechtmäßig von Großkonzernen in Besitz genommen worden, Kleinbauern von ihrem Land vertrieben worden, die deshalb keine Existenz mehr haben, nicht einmal mehr Trinkwasser, welches von den Konzernen vergiftet wird mit Pflanzenschutzmitteln, da es allein um Profit geht, um die Gewinnung von Palmöl, Zuckerrohranbau oder sonstigen mittels Pestiziden verheerenden Anbau von Pflanzen, die auf dem Weltmarkt bzw. an der Börse für Lebensmittel gehandelt werden. Anhand der Dokumentationen im Öffentlich rechtlichen Fernsehen wie z.B. den Filmen „Hunger“ und „Durst“ ist ersichtlich, dass Millionen Tonnen von Getreide in Indien verschimmeln, da sie auf dem Weltmarkt vom Verkauf zurückgehalten werden, da der finanzielle Gewinn den Börsenspekulanten zu wenig Geld erbringt. Neben den Lagern der zurückgehaltenen Millionen Tonnen von Getreide, das langsam unter riesigen Planen verschimmelt, verhungert und verdurstet die einheimische Bevölkerung direkt daneben. Die vertriebenen Menschen aus den Ländern rund um die Erde, die bereits „ausverkauft“ wurde, sind in ihrem Elend nur die „Spitze des Eisberges“, denn mit den aussterbenden Kleinbauern stirbt massenhaft auch Flora und Fauna im jeweiligen Gebiet. Nur zur Erinnerung: Bayern ist das Bundesland mit dem größten Flächenfraß, Europa hat eine bekannte Zahl von 43 Millionen Menschen, die im „reichen Europa“ unter der Armutsgrenze leben, – und dabei sind die Dunkelziffern nicht mit eingerechnet. Eine 214 Fußballfelder große Fläche wurde heuer im Herbst als neue, sechsspurige Autobahn, ohne Geschwindigkeitslimit, zwischen Ulm und Augsburg neu eröffnet, trotzdem zu diesem Zeitpunkt bereits längstens bekannt war, dass die aneinander gereihten Automodelle der Firma „VW“, die viel zu hohe Abgas- und C02-Werte aufwiesen, eine Strecke von München bis nach San Franzisco und zurück ergab. So wurde mein vorrangiges, persönliches „Unwort des Jahres“ eine neue Bezeichnung des Homo sapiens. Ich taufte ihn um in „Homo Verpestus“, wahlweise auch mit der griechischen Endung in „Homo Verpestos“. Dem entgegen zu setzen ist freilich z.B. die Gründung der „Endorfer Autoteiler“. Entwicklungen wie diese sind sehr zu begrüßen, auch wenn der Ursprung hierzu bereits 5 Jahre alt ist: Die zu Grunde liegende Idee der „Autoteiler“ wurde bereits 2010 beim „Kramerwirt Hubbi“ in Hemhof aufgegriffen: Herr Dr. Satzinger von den Ameranger Autoteilern stellte bereits damals das Prinzip des Autoteilens anschaulich dar. Vom Autoteilen ist’s nur ein gedanklicher Katzensprung zur ökologischen Bilanz eines jeden einzelnen. Hier stehen unsere Flüchtlinge, was Verkehrsschadstoffe betrifft, an sehr guter Stelle im positiven Sinn, denn sie benützen in der Regel den „ÖPNV“ (Öffentl. Personennahverkehr) und den Zug und natürlich auch das Rad. Die ökologische Durchschnittsbilanz eines Europäers der Mittelklasse sieht jedoch eher grauenhaft aus, und es ist bereits Mode geworden, sich ein gutes ökologisches Gewissen mit Geld wie im Mittelalter den bekannten „Ablass“ zu erkaufen, was für mich eine Perversion der besonderen Art darstellt, da ich noch niemals ein Flugzeug benützt habe (und auch nicht benützen werde, so hoffe ich). Wer sich heuer Zeit genommen hat, sich mit der Flüchtlingssituation auseinander zu setzen, der weiß, dass vielen Meinungen zur Sache eine Grundwahrheit vorausgeht: Der Klimawandel. Was viele nicht wahrhaben wollen, wurde eindringlich in Beiträgen zum Thema in großen Zeitungenn wie der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) oder im „GREENPEACE Magazin“ dargestellt: Es werden nicht eine Million Flüchtlinge unterwegs sein, auch nicht 10 Millionen. Es werden aufgrund des Klimawandels in den nächsten Jahren und Jahrzehnten Menschenmengen bis zu 350 Millionen nicht mehr in ihren Ländern leben können. Der primäre Fluchtgrund zeigt sich oberflächlich gesehen als ein Gefüge aus kriegerischen Auseinandersetzungen, religiös bedingt. Vergessen wird dabei, dass all diesen Auseinandersetzungen Jahre der Dürre und der Missernten gerade in den betroffenen Ländern wie z.B. jetzt in Syrien vorausgingen. Zurück zu der Weltentwicklung in Zahlen: Spätestens in ca. 10 Millionen Jahren wird auch das „Anthropozän“ und damit die Zeit des „Homo Sapiens Verpestos“ enden. Dies geschieht durch immer wieder innerhalb der Erdzeitgeschichte auftauchende tektonische Plattenverschiebungen. Die Eurasische Platte hebt sich und schiebt sich über den angrenzenden Erdteil. Dies geschieht schnell und bringt eine völlig „Neue Erde“ hervor, und zwar ohne Europa. Insofern würde absehbar für die Spezies des „Homo Sapiens Verpestus“ das Ende nahen.

In den letzten Tagen vor Weihnachten 2015 fällt mein Blick immer wieder auf ein Buch, das ich verschenken werde. Dieses Buch ist als „Spiegel-Bestseller“ ausgezeichnet worden, ist gut verständlich, flüssig und spannend geschrieben. Es ist betitelt mit „Das geheime Leben der Bäume“ und von dem Förster Peter Wohlleben geschrieben. Anschaulich beschreibt er das, was ich seit Jahren aufgrund von Artikeln der Fachliteratur weiß: Dass Bäume nicht nur wesentlich intelligenter als Menschen sind, dass sie über ein hervorragend funktionierendes Sozialsystem verfügen, dass sie aufgrund dessen eben deshalb im Vergleich doch „die besseren Menschen“ wären, dass sie über ein „World-Wide-Wood“ verfügen, über ein weltweit höchst intelligent vernetztes System, das ihr Fortbestehen sichern wird. Es befriedigt mich sehr, über dieses Buch bestätigt zu bekommen, was ich immer ahnte: Wir hätten viel von ihnen zu lernen, denn Bäume leben seit Jahrtausenden anhand eines ethischen Grundprinzips, das unser Rechtssystem völlig verblassen läßt und uns anmahnt, unsere Religionen und Weltanschauungen zu hinterfragen.

Allen Lesern des „Leserbriefes“ wünsche ich kommende Feiertage mit auch etwas Zeit zum Nachdenken, auch über Veröffentlichungen im „ENDORFER“, in dem Anfang des Jahres 2015 ein sog. „Wald“ abgebildet war mit einem dazugehörigen Artikel bzgl. der Unmöglichkeit, im betreffenden Wald einen Waldkindergarten zu gründen.

Die Bäume auf dem Bild des „Waldes“ stellten eindeutig eine junge Fichten-Monokultur dar. Ein Wald ist ein ökologisches System, das durch die derzeitige Gesetzgebung kaum, unzureichend oder meist gar nicht geschützt wird. Wenn es weiterhin rechtens ist, dass direkt am „Langbürgner See“, direkt bei Schloß Hartmannsberg und direkt im NSG (Naturschutzgebiet) weiterhin Bäume gefällt werden, mit über 2 m Durchmesser, die nachweislich pro Tag mehr als 40.000 Liter Sauerstoff produzieren, ebenfalls große Mengen an CO2 binden, wenn diese Bäume weiterhin dem „Waldwirtschaftsrecht“ unterstellt sind und nicht im geringsten dem Naturschutz, dann ist es unser Naturschutzgesetz nicht wert, als ein solches benannt zu werden. „Naturschutz“ ist nicht als abgekapselter und teil-verbürokratisierter „Umweltschutz“ zu verstehen, Naturschutz ist Selbstschutz, und genauso zu verstehen, wie die unumstößliche Maßgabe, dass wir unser „Wirkungsgefüge“ nicht zerstören sollten im Hinblick auf unsere Kinder und Enkel.

„Raum für alle hat die Erde“ – (Friedrich von Schiller)
„Was immer Ihr dem Gewebe(*) antut, das tut Ihr Euch an“ – (Häuptling Seattle 1850)
„In Eure Hand sind sie gegeben“ – (Bibel: Schöpfungsgeschichte)

Dies sind die Gedanken, die ich Ihnen für 2016 mitgeben möchte.

Sabine Oberberger, Hemhof

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