Gisela Sengl (MdL): Besuch der Limnologischen Forschungsstation Seeon

Bayern wird die in der Wasserrahmenrichtlinie festgelegten Ziele eines guten ökologischen Zustands aller Gewässer in absehbarer Zeit weiterhin verfehlen.

Dabei gerät auch der „gute ökologische Zustand“ der Gewässer in die Diskussion und wird als Maßstab in Frage gestellt.

Vor diesem Hintergrund besuchte die Grüne Landtagsabgeordnete Gisela Sengl das Limnologische Institut in Seeon. Sie sprach mit Prof. Stibor. Mit dabei waren Regina Reiter, Mitarbeiterin Büro Sengl und Thomas Restle vom Grünen Ortsverband in Endorf.

Wissenschaftlich Forschung zur Ökologie der stehenden und fließenden Gewässer (Limnologie) gibt es in Bayern an der Universität Bayreuth, der TU München und der LMU München mit dem Schwerpunkt auf experimentielle aquatische Ökologie.

Die limnologische Forschungsstation Seeon ist eine Außenstelle der LMU München, Lehrstuhl Aquatische Ökologie und betreibt Grundlagenforschung der Gewässer.

Die Station hat keine hoheitlichen Aufgaben, für Untersuchungen werden die Genehmigungen von den Wasserwirtschaftsämter Rosenheim oder Traunstein oder vom Bezirk Oberbayern erteilt.

Die gegenwärtigen Herausforderungen für die Forschung

Die Forschung dient dem Verständnis von den Zusammenhängen und Folgen, die durch den Einfluss der Menschen entstehen: Eintrag von Nährstoffen in Gewässer (z. B. Stickstoff über das Grundwasser und über die Luft), das veränderte Verhältnis der Nährstoffe zueinander, Klimawandel, Verlust der Artenvielfalt im Wasser.

Beispiel Bodensee: Dort gelang es, den hohen Eintrag an Phosphor zu minimieren, dank der Kläranlagen und dem weitgehenden Verzicht von Phosphat in Waschmitteln. Der Phosphor-Gehalt ist sehr niedrig (6 – 7 μg/L im Gegensatz zu früheren 100 μg/L ) was als Qualitätsmerkmal gilt. Doch dieser niedrige Phosphor-Gehalt wird von Fischern als Ursache gesehen, dass die Fische im Bodensee so langsam wachsen.

Warum wachsen die Renken in bayerischen Seen so unterschiedlich? Es wird vermutet, dass das Nährstoffvorkommen und das Verhältnis der Nährstoffe in den Seen das Wachstum deutlich beeinflussen. Der Eintrag von Phosphat und Stickstoff liegt meist deutlich über dem natürlichen Eintragsverhältnis, zudem sind Stickstoff-Einträge über die Luft – der Bodensee muss mit einem jährlichen Stickstoff-Eintrag von 10 – 20 kg/ ha Bodenseefläche zurechtkommen – oder über das stark von der Landwirtschaft beeinflusste Grundwasser schwer zu steuern. In den Gewässern klafft das Verhältnis von Phosphor und Stickstoff immer weiter auseinander. Das wirkt sich auf das gesamte Nahrungsnetz eines Sees aus und kann dazu führen, dass die Fische zu wenig Futter haben. Es nutzt nichts, den Phosphor-Gehalt zu erhöhen, das Verhältnis zwischen Stickstoff und Phosphor muss stimmen.

Global gesehen ist für die Süßgewässer die Phosphor-Überdüngung ein Riesenproblem. Doch auch der Stickstoffeintrag in Gewässer ist anhaltend hoch und wird aufgrund steigender Nahrungsmittelproduktion weiter steigen. Interessant und dringend notwendig ist es also nicht nur den Phosphor-Gehalt zu betrachten, sondern auch ganz genau hinzuschauen, wie hoch der Stickstoff-Gehalt eines Sees ist.

Eine weitere interessante Frage ist, wie sich die veränderten Nährstoff-Gehalte und ihr Verhältnis zueinander auf Biodiversität und Ökosysteme in Gewässern auswirken.

Während z. B. auf Wiesen deutlich erkennbar ist, dass Nährstoffüberschüsse zu geringer Vielfalt bis Monokulturen führen ist das bei Gewässern nicht so offensichtlich. Der Phosphorgehalt ist der begrenzende Faktor für das Algenwachstum. Wenn Grünalgen das Wasser trüben, sehen wir das sofort und wissen hier herrscht Nährstoffüberschuss. Bei einem klaren See freuen wir uns über das „saubere“ Wasser: doch ein klarer See kann stickstoffreich und artenarm sein, wenn das natürliche Nährstoffverhältnis von Phosphor und Stickstoff aus dem Gleichgewicht ist. Nur sehen wir das nicht. Bei manchen Seen ist das Verhältnis Stickstoff zu Phosphor 100 : 1, das natürliche Verhältnis liegt bei 16 : 1. Was passiert also in den Gewässern, wenn aufgrund dieser Veränderungen Arten aussterben und ökologische Nischen unbesetzt bleiben?

Dazu gibt es aktuelle Forschungsprojekte:

Das Verhältnis von Stickstoff und Phosphor in bayerischen Seen und dessen Bedeutung für das Wachstum von Renken (u.a. gefördert von den beiden bayerischen Ministerien für Umwelt und Verbraucherschutz und für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten, StMUV und StMELF)

 

R3 Reaktionen auf biotische und abiotische Veränderungen, Resilienz und Reversibilität von Seeökosystemen (Gefördert durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft)

Der Waginger See:

Zusammenhänge von Nährstoffüberschüssen, Gewässer-Ökologie und Politik

Der Waginger See hat einen Phosphor-Gehalt von 20-30 μg/L (im Vergleich der Bodensee 6 – 7 μg/L). Aufgrund langjähriger Überdüngung und der geringen Wassertiefe ist der Grund des Sees sauerstofffrei. Phosphor, der ansonsten im Bodensediment des Sees gebunden wäre gelangt so vom Grund des Sees aus ins Wasser. Dieser Vorgang wird wohl die nächsten Jahrzehnte andauern. Aufgrund der geringen Seetiefe wirken sich auch kleinste Mengen an Nährstoffeinträgen aus der umliegenden Landwirtschaft deutlich messbar aus. Hier können nur Maßnahmen greifen, die Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft wirksam und langfristig verhindern. Dazu gehören ausreichende Gewässerrandstreifen und Flächen, die aus der Bewirtschaftung genommen werden. Auch die ökologische Bewirtschaftung der Flächen im Einzugsgebiet des Sees würde zu einer Verbesserung der Wasserqualität führen.

Von wissenschaftlicher Seite aus ist die Problematik des Waginger Sees und auch die Lösung der Probleme sauber aufgearbeitet. Leider fehlt es hier an der politischen Umsetzung.

Rüchaltebecken wie beim Waginger See oder auch beim Abtsee leisten einen ersten wichtigen Beitrag zur Reduzierung von Einträgen. Leider fehlt jedoch ein ausreichend dichtes Monitoring mit regelmäßigen Messungen, welche Stoffe und wie viel davon zurückgehalten werden, das die Erfolgskontrolle begleitet. Der Rückhalte-Effekt ist stark abhängig von Regenmengen, Starkregenereignissen, Trockenperioden und natürlich von der Art der Landwirtschaft auf den betroffenen Flächen. Deshalb ist es schwierig festzustellen, ob mit den Rückhaltebecken die gewünschten Ergebnisse für den Gewässerzustand erreicht werden. Leider wird mit den Rückhaltebecken nur Symptombekämpfung betrieben – die Ursachen werden nicht angegangen. Rückhaltebecken alleine können das Problem nicht lösen.

Die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL)

Bayern wird die in der Wasserrahmenrichtlinie festgelegten Ziele eines guten ökologischen Zustands aller Gewässer in absehbarer Zeit weiterhin verfehlen.

Dabei gerät auch der „gute ökologische Zustand“ der Gewässer in die Diskussion und wird als Maßstab in Frage gestellt.

Aus wissenschaftlicher Sicht scheinen die Richtlinien vielleicht zu pauschal und man wünscht sich die Einsicht, dass ein Gewässer nur über einen sehr langen Zeitraum wieder in besseren Zustand gebracht werden kann, und dass ökologische Systeme nach dem Abstellen einer Störung nicht unbedingt wieder in ihren natürliche Zustand vor der Störung zurückkehren. Möglicherweise sind Kriterien ungenügend definiert und auch die neuesten wissenschaftlichen Erkenntnisse in der Praxis noch nicht angekommen. Trotzdem ist die Wasserrahmenrichtlinie eine Errungenschaft, in deren Umsetzung mehr Engagement, Personal und Finanzmittel gesteckt werden müssen, als es die Regierung bisher tut. Letztendlich geht es doch darum, wie wir mit unserer wichtigsten Lebensgrundlage, dem Wasser, umgehen.

Wissenschaft ist nicht Ersatz-Politik

Gerne benutzen Politiker*innen wissenschaftliche Erkenntnisse zur Absicherung ihrer Politik. Oft genügen Schlagworte und aus dem Zusammenhang gerissene Statements. Für eine differenzierte Betrachtung fehlt es wahlweise an Zeit, Willen oder Verstand. Eine sachliche, wissenschaftlich fundierte Diskussion wird oft von jenen eingefordert, die mit ausgewählten Studien und wissenschaftlichen Erkenntnissen die eigene Politik untermauern wollen.

Stimmen die wissenschaftlichen Erkenntnisse aber nicht mit den politischen Zielen überein, wird schnell der Vorwurf an die Wissenschaft laut, „das System nicht verstanden zu haben“, Panik zu verbreiten, oder aufgrund von Drittmittelwerbung keine unabhängige Forschung betreiben zu können.

Doch die Wissenschaft ist der Spiegel der Gesellschaft und ihrer Zeit.

Die Politik jedoch ist das gestaltende Element, sie kann die „Epoche“ prägen und entscheiden, wohin die Reise geht.

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