Heldin für einen Tag.

Persönlicher Rückblick und Ausblick auf einen demokratischen Baustein.

Von Mareike Melain.

Anlässlich der Kundgebung und Einweihung des neuen Pollers am 13.03.2021 auf dem Radweg zwischen Mittelschule und Kreisverkehr an der Wasserburgerstraße wurde mir eine selbstgebastelte „Bürgerinnen-Medaille“ verliehen. Ich wollte eigentlich nie eine Heldin werden, ich wollte nur gerne sicher mit dem Rad in Endorf unterwegs sein.

Die regionale Tagespresse schreibt vom „zweijährigen Kampf“ für eine Lösung gegen PKWs auf dem Fuß- und Radweg. Das habe ich nicht so erlebt und empfunden. Für mich ging es nicht ums Kämpfen, für mich war es Engagement. Für einen Kampf braucht es einen Gegner. Es war ja aber keiner gegen den Poller. Kann man ja auch nicht sein. Wer möchte schon, dass Schulkinder oder Radelnde von PKWs auf einem ausgewiesenen Rad- und Fußweg angefahren werden?

Leider hat es aber auch keine Mehrheit und kein engagiertes Dafür gegeben. Denn dann hätte man ja gehandelt, sobald man das Problem erkannt hatte. Es war ein Vakuum, ein dringendes Anliegen ohne Gegenüber, der oder die es annimmt.

Sich zwei Jahre lang für eine Selbstverständlichkeit – nämlich die Einhaltung der Straßenverkehrsordnung – einzusetzen, hinterlässt Spuren und so ist aus der Not eine konstruktive und zukunftsweisende Idee geboren. Lasst uns das bürgerschaftliche Engagement in Endorf neu lernen und leben!

BÜRGERSCHAFTLICHES ENGAGEMENT ALS ANTWORT AUF HERAUSFORDERUNGEN

Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass es derzeit viel Zeit und Kraft bedarf, in Endorf im Bereich Schulwegsicherheit und Rad- und Fußverkehr etwas zu ändern. Wir Grüne in Endorf finden, das sind verschenkte Ressourcen. Wir glauben, dass engagierte Bürgerinnen und Bürger zu einer Entwicklung ihres Wohnortes beitragen können und sollen. Wir beobachten derzeit eine Verwaltung des Status Quo, die zu wenig Spielraum lässt für Entwicklung und Veränderung. Und das obwohl wir aktuell vor großen klimatischen und gesellschaftlichen Herausforderungen stehen.

Die Verpflichtungen, die Deutschland durch die Unterzeichnung des Pariser Klimaabkommens verbindlich unterschrieben hat, sowie die dringende Aufgabe unsere jährlichen Treibhausgase bis 2035 um 90 Prozent zu senken, um die globale Erderwärmung auf 1,5°C zu begrenzen, diese Fakten sind auch den Marktgemeinderät*innen und den Mitarbeitenden der Verwaltung bekannt (aus: Handbuch Klimaschutz, Hentschel, K.-M., Oekom Verlag, 2020).

Es sind große Herausforderungen, die auch kleine Kommunen, wie Endorf vor große Schwierigkeiten stellen könnten. Für ein lösungsorientiertes Arbeiten bedarf es fundierte Fachkenntnisse und zahlreiche Kompetenzen unterschiedlichster Art – Verständnis für Bedenken und Ängste vor Veränderung, profunde Kommunikationsskills sowie Kooperationswillen.

Diese Verkehrswende von der alle sprechen. Warum fangen wir nicht einfach mal damit an?

Vielleicht, weil es gar nicht so einfach ist! Vielleicht, weil es schwierig ist, vermeintlich bewährte Verhaltensmuster und Strukturen über Bord zu werfen und neu zu denken! Nur: wäre es bei einer solchen Mammutaufgabe nicht eigentlich erfolgsversprechend sich möglichst viele Menschen, mit unterschiedlichen Kompetenzen, Ideen und Werten ins Boot, an den Tisch oder aktuell ins Online-Meeting zu holen?

Keine Ahnung, ob es funktioniert einen Umbau und Neuausrichtung eines Ortskerns mit vielen Beteiligten aus Verwaltung, Politik und Bürgerschaft zu planen und zu gestalten. Ich denke aber schon, dass die Erfolgschancen gut sind. Und wir wären nun auch nicht die erste Gemeinde, die es versucht: Europaweit gibt es zahlreiche Kommunen, die auf bürgerschaftliches Mitgestalten bauen, die z.B. einen Bürgerrat einsetzen um zukunftsweisende und grundlegende Gestaltungsentwürfe ihrer Gemeinde aushandeln und planen. (Mehr zum Thema Bürgerrat unter: www.buergerrat.de/buergerrat-demokratie). Für einen Versuch Gemeindepolitik mit mehr bürgerschaftlichem Engagement sind zwei Dinge allerdings unabdingbar: ein durchdachtes, transparentes Konzept und den bedingungslosen Willen. Und ein Versuch wäre es doch allemal wert, oder?

IN PANDEMIEZEITEN SEHEN WIR UNS ONLINE

Eine erste Herausforderung sind Begegnungen und gemeinsames Arbeit in Zeiten von Kontaktbeschränkungen. Aber auch in Onlineformaten ist viel Engagement möglich. Für manche ist diese Form des sozialen Miteinanders noch befremdlich und ungewohnt. Aber das Online Format ist eben gerade das Gebot der Stunde. Und es funktioniert ja bereits in zahlreichen professionellen sowie in privaten Bereichen. Außerdem bietet es auch Menschen, die ansonsten von Beteiligung ausgeschlossen sind einen Zugang: u.a. Eltern mit kleinen Kinder, die abends nicht aus dem Haus können oder mobilitätseingeschränkten Menschen.

VON DEN HELD*INNEN DES ALLTAGS

Und noch mal zum Heldentum. Ich glaube, ich übertreibe nicht (oder nur ein wenig), wenn ich behaupte man muss heroische Züge und einen festen Willen haben, um in Endorf mit dem Radl unterwegs zu sein: Wellen und Schlaglöcher auf der Straße, viel Verkehr und wenig Platz erschweren das Fahrvergnügen. Und doch sind zahlreiche Menschen jeden Tag lieber mit dem Rad als mit dem PKW unterwegs. Ich lebe also in einer Gemeinde von Alltagsheld*innen. So teile ich meine Bürgerinnen-Medaille mit all diesen Radelnden: innen ist meine Medaille nämlich aus Schokolade!

Bildunterschrift: Mareike Melain und Eduard Huber vom Ortsverband der Endorfer Grünen hatten zur Kundgebung am Poller aufgerufen.

Foto: © Rosi Ammelburger

2 Kommentare

  1. Eduard Huber

    Liebe Frau Aigner,
    haben Sie herzlichen Dank für die Unterstützung.

    Die Erfahrungen, die Sie beschreiben berühren mich sehr.
    Vor allem da die wenigsten von uns nur Radelnde oder nur Autofahrende sind.
    Ist es nicht so, dass wir manchmal in die Pedale treten und ein andermal hinterm Steuer sitzen?
    Dieser vermeintliche Graben zwischen den Radler*innen und den Autofahrer*innen in Endorf sollte unsere nächste Baustelle sein.
    Ich glaube, wir sollten alle viel mehr miteinander reden, statt übereinander zu urteilen.

    Mit besten Grüßen,
    Mareike Melain

    Antworten
  2. Aigner

    Sehr geehrte Frau Melain,

    herzlichen Glückwunsch zu Ihrer Aktion. Finde dies hervorragend von Ihnen, dass Sie es geschafft haben, den Radweg zu entzerren.
    Bin eine Endofer Bürgerin und leidenschaftliche Radfahrerin, nutze den Radweg sehr gerne.
    Mir wurden schon öfters sehr beleidigende Worte von Autofahrern entgegen geworfen, wenn ich mich nicht vom Radweg „runter schleichen werde“, fahren sie mich „einfach über den Haufen“ und noch einiges!!
    Bedanke mich für Ihr Engagement.
    Mit freundlichen Grüßen
    Gabriele Aigner

    Antworten

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